„Pre-Crime“: Über Menschen, die ungewollt Teil von Datenexperimenten sind (Video)

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Was bedeutet „Predictive Policing“, welche Technologien stecken dahinter, wie werden sie im Polizei-Alltag eingesetzt? Und welches mächtige Versprechen geben die Software-Anbieter?

„Wir wissen Du wirst ein Verbrechen begehen, Du weisst es nur noch nicht“.

Es gibt sie, die Datenopfer. Es sind Menschen, die in die Mühlen der polizeilichen Datenindustrie geraten und aus eigener Kraft nicht mehr entrinnen können. Man teilt ihnen schriftlich mit, dass sie von nun an eine Bedrohung für die Gesellschaft seien. Das hätte eine Software errechnet.

Diesen lebenden Beispielen, die auf Beobachtungslisten gelandet sind, obwohl sie nichts verbrochen haben, widmet sich der Dokumentarfilm „Pre-Crime“. Er läuft offiziell ab 12. Oktober in den deutschen Kinos an. Vorführungen beginnen ab Montag in Berlin, dann in Dresden, Leipzig und Wiesbaden.

Der Film versucht zu erklären und zu visualisieren, wie „Predictive Policing“ mit Hilfe von Software umgesetzt wird, welche Technik dahintersteckt und wie sie im polizeilichen Alltag eingesetzt wird: großteils in Chicago, aber auch mit Beispielen in Philadelphia, in London, in Tottenham oder in München. Doch es bleiben mehr Fragen als Antworten.

Es geht bei den in „Pre-Crime“ gezeigten teuren Pilotprojekten zur Vorhersage von Straftaten vornehmlich um Gewaltverbrechen und Wohnungseinbrüche: Taten, vor denen sich Menschen besonders fürchten. Nicht alle der Software-Projekte, die künftige Kriminelle errechnen oder gefährdete Zonen identifizieren sollen, arbeiten aber mit personenbezogenen Daten.

Das gilt etwa für „PredPol“, von dem im Film die Rede ist und das in den Vereinigten Staaten in mehr als fünfzig Städten bereits seit mehreren Jahren zum Einsatz kommt. Die Berliner Polizei verwendet ein ähnliches System ohne Personendaten mit dem Namen „KrimPro“, dessen Datenmodell „Predictive Policing Wohnungs-Villeneinbruch“ (pdf) im Rahmen einer Informationsfreiheitsanfrage einsehbar wurde.

Allerdings arbeiten Produkte wie beispielsweise die im Film gezeigte Software „Beware“, die schon längere Zeit in Kalifornien benutzt wird, eben doch mit persönlichen Daten. Das bedeutet für die betroffenen Menschen, ungewollt Teil von Datenexperimenten geworden zu sein (Hol Dir deine Daten zurück: So kannst Du herausfinden, was Unternehmen über Dich wissen).

Die in „Pre-Crime“ beleuchteten Beispiele kann man als „Predictive Analytics Software“ zusammenfassen, also allgemein gesprochen Produkte, die versuchen, Verhaltensmuster aus Echtzeitdaten und aus der Vergangenheit bekannten Daten zu extrahieren, um damit für die Zukunft Vorhersagen zu machen. Voraussichtliche Verbrecher werden insofern bestraft, dass sie auf Listen mit potentiellen Straftätern landen.

  

Und wir reden nicht über die ferne Zukunft: Auf einer der im Film dargestellten Gefährderlisten („Heatlist“) sind bereits mehr als eintausend Personen als besonders kriminalitätsgeneigt verzeichnet. Eines der Listenopfer fragt angesichts der großen Summen für die Software, die Datenbanken, die Schulungen, die Fachleute: Was hätte man mit dem ganzen Geld im Sinne der Opfer von Verbrechen tun können? Die Frage bleibt ohne Antwort.

Vieles im Film erinnert an die unter dem Schlagwort Citizen Score bekanntgewordenen Ideen aus China mit schwarzen und roten Listen, die Menschen klassifizieren. Über die Vorhaben wird in letzter Zeit wieder häufiger geschrieben, obwohl die Programme unter dem Namen „United Information Environment“ dort schon viele Monate laufen.

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In einigen Zonen sind bereits Software, Sensoren und Kameras digital miteinander verschränkt, um mit Hilfe von Analyse-Werkzeugen Vorhersagen zu treffen.

Das ist nicht so verschieden von Chicago, wo dies stadtweit bereits umgesetzt ist. Denn auch die Polizei-Software in westlichen Staaten verbindet in einigen der gezeigten Beispiele längst die weit umfangreicheren Social-Media-Daten und allerhand kommerzielle Informationssammlungen mit den staatlichen Datenbanken.

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Social-Media-Daten werden dafür aktiv beobachtet und eingebunden, Gewohnheiten und Bewegungen von Nutzern ausgewertet. Der Unterschied ist nur: Im Westen ist das Profilieren der Menschen auch ein Geschäft, das als Dienstleistung angeboten wird. Wenn die Anbieter von Predictive-Policing-Produkten versprechen, Software könne ermitteln, wer künftig straffällig wird und wer nicht, ist das Teil ihrer Produktvermarktung.

Dass es dabei zu rassistischen und sozialen Diskriminierungen kommt, braucht dem Kinogänger vom ab und an den Filmfluss unterbrechenden Narrator nicht einmal ins Gesicht gesagt werden, so deutlich wird es.

Die rassistische Diskriminierung hat für die Beispiele in den Vereinigten Staaten ein großes Diskussionspotential und zugleich reale Risiken, weil sich das ohnehin tiefsitzende Misstrauen zwischen Minderheiten und Polizei noch weiter vertiefen könnte.

An einer Stelle im Film kommt unweigerlich die Frage nach den Kriterien der Software ins Spiel, die Menschen auf die Listen setzen, und ob denn wohl auch Daten aus Wirtschaftsstrafsachen mitberechnet würden. Die Frage bleibt ohne Antwort.

Der Dokumentarfilm von Monika Hielscher und Matthias Heeder und Produzent Stefan Kloos zeigt neben dem Softwareeinsatz auch die Verknüpfung mit bestehender Überwachungsinfrastruktur im öffentlichen Raum, beispielsweise den Polizei-Kameras in den Straßen von Chicago.

Die Stadt weist dennoch aktuell einen Anstieg bei schwerer Kriminalität auf. Soviele Datenschnipsel man auch zusammenholt: Vorhersagen über künftige Verbrechen können natürlich nur Wahrscheinlichkeiten sein.

Doch Vorhersage-Software ist ein mächtiges Versprechen, wenn man daran glaubt. Es schwingt in diesem Versprechen die vollständige Aufzeichnung und Auswertung aller digitalen Alltäglichkeiten mit. Darin verborgene Geheimnisse muss man nur noch schürfen, um die potentiellen Verbrecher rauszupicken.

Da die Verbindung zu den Sammlungen der großen Datenkonzerne bereits in einigen der Predictive-Policing-Projekte besteht, sollen die freiwillig veröffentlichten Social-Media-Daten der Menschen die Pre-Crime-Datenbanken mehr und mehr füttern.

  

Die Menschen auf den Listen, die in dem Film gezeigt werden, haben keine Schuld im herkömmlichen Sinne auf sich geladen. Sie werden von der Software einer Art Kontaktschuld bezichtigt, zumindest vermuten sie das selbst. Denn selbstverständlich fragen sich die Pre-Crime-Opfer, wie es kommen konnte, dass sie auf den Polizeilisten gelandet sind.

In einem im Film gezeigten Beispiel war der Betroffene in Kontakt mit einem Gewaltopfer, was vermutlich die Software berechnen ließ, dass Freunde von Mordopfern kriminalitätsgefährdet sind. Die Kontaktschuld wirkt wie eine Vorabbestrafung: Obwohl der Betroffene selbst keine Tat begangen hat, wird er fortan verstärkt beobachtet.

In den Vereinigten Staaten kommt eine Gefahr hinzu, die hier weniger bedrohlich erscheint: Wer auf den Listen als Gefährder vermerkt wird, ist nicht nur gebrandmarkt, sondern auch unter akuter Gefahr, bei jeder Interaktion mit der Polizei mit Schusswaffen konfrontiert zu werden.

Eines der Listenopfer fragt im Film, warum das keinen interessiert, warum sich denn niemand vorstellen kann, dass er selbst, die eigenen Freunde oder die eigene Familie auf den Beobachtungslisten landet.

Die Frage bleibt ohne Antwort.

Am 8. Oktober sendet Arte in „metropolis“ einen Beitrag zum Dokumentarfilm.

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