US-Geheimprojekt „Sunshine“: Globaler Leichenraub im Namen der Bombe

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Wie viele Atombombentests hält die Menschheit aus? Um diese Frage zu beantworten, starteten US-Wissenschaftler im Kalten Krieg das Projekt „Sunshine“. Weltweit sammelten sie Gewebeproben von Toten ein – und schreckten dabei auch vor Leichenschändung nicht zurück.

Der Körper, den Clarence Lushbaugh am Neujahrsmorgen 1959 vor sich liegen sah, war einigermaßen hinüber. In seinem Protokoll notierte der Pathologe an diesem Tag: hohe radioaktive Strahlenwerte, zahlreiche Nadelstich-Markierungen, zwei Einschnitte an der Brust, zudem schwere Blutungen an Herz, Verdauungstrakt und Bauchhöhle.

Foto: Auslöschung des Menschen: Aus nächster Nähe beobachten VIP-Zuschauer 1951 mit Spezialbrillen die Detonation einer Atomwaffe über dem Eniwetok-Atoll im Pazifik

Der Name des Toten: Cecil Kelley, 38, ein Chemielaborant, der in einer Plutonium-Wiederaufbereitungsanlage in Los Alamos gearbeitet hatte – jenem Ort, an dem Robert Oppenheimer ein gutes Jahrzehnt zuvor mit seinem umstrittenen Manhattan-Projekt zum „Vater der Atombombe“ geworden war.

Kelleys Job hatte kurz gesagt darin bestanden, in der Anlage Plutonium in einem Stahl-kessel so durchzumischen, dass man aus dem radioaktiven Mix am Ende Kernwaffen bauen konnte. Bei einem Unfall am 30. Dezember 1958 war die Maschine, die Kelley bediente, jedoch außer Kontrolle geraten – der Stoff im Inneren des Kessels hatte eine 200-mal höhere Konzentration als üblich. Kelley wurde derart schwer verstrahlt, dass er etwa 35 Stunden später – an eben jenem Neujahrsmorgen – auf Lushbaughs Tisch landete.

Ohne dass seine Nachfahren davon wussten, sollte Cecil Kelley hier noch nach seinem Tod zu einem Versuchskaninchen werden – für eines der größten US-Geheimprojekte während des Kalten Kriegs.

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Letzte Bleibe: In einfachen Wohnbaracken wie dieser auf dem Gelände des Los Alamos National Laboratory lebte auch der Chemielaborant Cecil Kelley vor seinem tödlichen Unfall

Hirnproben im Mayonnaiseglas

Lunge, Leber, Herz, Nieren, Lymphknoten, Hoden, Magen, Dickdarm, ja sogar das Hirn – alles entnahm Lushbaugh aus Cecil Kelleys Körper. Knapp acht Pfund Organe insgesamt. So beschreibt es die US-Journalistin Eileen Welsome in einer Artikelserie des „Albuquerque Tribune“ aus den Neunzigern, für die sie später den Pulitzer-Preis erhielt und die sie danach in ihrem Buch „The Plutonium Files“ zusammenfasste.

Was Welsome auch herausfand: Die Autopsie war alles andere als Routine. Lushbaugh wollte mit dem Toten weiterarbeiten. Er schickte Teile von Kelleys Leber und Lymph-knoten zur Analyse an ein Labor in Hanford, das Gehirn stopfte er außerdem in ein großes Mayonnaiseglas und sendete es an Militär-Pathologen in Washington – Mitarbeiter des „Project Sunshine“.

Insgesamt 9000 menschliche Gewebeproben untersuchten US-Forscher unter diesem harmlos klingenden Codenamen. Ziel des bis heute weitgehend unbekannten Geheim-projekts war es, herauszufinden, wie viele Atomtests es bräuchte, um die Menschheit tatsächlich auszulöschen. Hierzu wurden die Ablagerung radioaktiver Stoffe, vor allem von Strontium-90, in den Körpern Verstorbener untersucht. Ein makabres Vorhaben, für das die „Sunshine“-Forscher auf der ganzen Welt menschliche Knochen, Beine, Arme und Organe sammelten – bevorzugt aus der Nähe von Atombombentestgebieten.

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Am begehrtesten bei den Wissenschaftlern war das Gewebe von toten Kindern und Neu-geborenen, weil sich in jungen Knochen der radioaktive Stoff, nach dem die Forscher fahndeten, besonders stark ablagerte. Aber auch Strahlenopfer wie Cecil Kelley, An-wohner von Atomtestgeländen, Krebspatienten im Endstadium und sogar Obdachlose waren nach ihrem Tod beliebte Forschungsobjekte.

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Test der „Castle Bravo“-Wasserstoffbombe auf dem Bikini-Atoll am 1. März 1954

Leichen aus aller Welt gesucht

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Gestartet war das „Sunshine“ am 6. August 1953 – also bereits fünf Jahre vor Kelleys fatalem Unfall – auf einer geheimen Wissenschaftler-Konferenz in Kalifornien. Es war die Hochphase der Atomtests. Die Amerikaner hatten bereits das Bikini-Atoll auf den Marshallinseln mit ihren Testwaffen bombardiert. Und über den nordamerikanischen Kontinent zog in jenem Sommer noch immer Strahlenstaub von einer Spezial-Operation mit dem Namen „Upshot-Knothole“, eine elfteilige Testsalve mit lieblich klingenden Bombennamen wie „Annie“, „Nancy“, „Dixie“ oder „Harry“.

Je häufiger die Tests und je stärker die Durchschlagskraft der Bomben wurden, desto mehr wuchs auch die Angst in der Bevölkerung: Wie gefährlich waren das Wettrüsten und die Bombentests wirklich?

Genau diese Fragen stellten sich auch die Gründungsväter des „Sunshine“-Projekts in Kalifornien. Schnell war den Wissenschaftlern klar, dass sie für die Beantwortung Ge-webeproben bräuchten wie die von Cecil Kelley. Und um die Frage wirklich umfassend zu beantworten, bräuchten sie jede Menge davon – und zwar von Menschen aus aller Welt. Die Folge war die morbideste Leichenjagd der USA zu Zeiten des Kalten Kriegs.

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Dr. Willard F. Libby, Professor für Chemie im Institut für Kern-Studien an der Universität von Chicago, wurde als erster Chemiker Mitglied der US-Atom-energiekommission

Geheime Autopsien im Militärauftrag

Hauptjäger war Willard Libby, Gründer des „Sunshine“-Projekts und ein emsiger Naturwissenschaftler der US-Atomenergiekommission AEC, der später den Chemie-Nobelpreis für ein anderes Forschungsprojekt gewann. Libby galt als großer Fan der amerikanischen Atombombentests und der damit verbundenen Waffenforschung. Die Geheimstudie reizte ihn aber so sehr, dass er „Sunshine“ schnell zur wichtigsten Mission der AEC ernannte – gleich „neben den Waffen“.

Ein großes Problem war jedoch die strikte Geheimhaltung des Projekts und seines Inhalts. So fragten die Forscher die Angehörigen der Toten so gut wie nie nach einer Einwilligungen oder einer Patientenverfügungen, bevor sie die Leichenteile auf ihre Strahlenwerte untersuchten. Um an ausländische Proben zu kommen, tischten die Wissenschaftler den Angehörigen außerdem gerne die Geschichte von einer Studie auf, wonach sie das Gewebe dringend bräuchten, um die „natürliche“ Radioaktivitäts-verteilung der Welt zu bestimmen. Das US-Militär begann kurz nach dem „Sunshine“-Start sogar ein eigenes Geheimprogramm – unter dem Deckmantel einer Ernährungs-studie.

Viel schwerer als das moralische Dilemma wog für die Forscher um Libby allerdings die Tatsache, dass die Geheimhaltung auch aus wissenschaftlicher Sicht wenig effizient war. In den ersten anderthalb Jahren zählte das „Sunshine“-Projekt „gerade einmal“ 59 Gewebeproben von totgeborenen Babys aus Chicago, Utah und Indien. Dazu kamen drei Erwachsenen-Beine aus Massachusetts.

Auf einer Konferenz 1955 in Washington redete „Sunshine“-Gründer Libby deshalb auf seine Fachkollegen ein und animierte sie dazu, sich für das Geheimprojekt einzusetzen. Dafür bräuchte man allerdings deutlich mehr totes Gewebe als bisher, erklärte er. „Menschliche Proben haben höchste Priorität“, sagte Libby zu den anwesenden Wissen-schaftlern. Und: „Wenn irgendjemand weiß, wie man einen Leichenraub begeht, würde er damit seinem Land einen wirklichen Dienst erweisen.“

„Wir können jeden haben, der in dieser Altersspanne stirbt“

Frei von allen Skrupeln machten sich daraufhin Dutzende westliche Forscher weltweit auf die Suche nach toten Menschen. Laurence Kulp, neben Libby einer der leitenden Wissenschaftler des Projekts, erklärte bei einem geheimen Treffen seinem Forschungs-kompagnon, in welchen Regionen Leichenteile etwas freier zugänglich waren.

Kulp: „Vancouver, Houston und New York. Auch aus Puerto Rico sollten wir problemlos Proben bekommen. Wir könnten praktisch jeden haben, der in dieser Altersspanne stirbt.“

Libby: „Was können wir damit anfangen?“

Kulp: „Es sind alle Toten in der Altersspanne von 1 bis 30.“

Libby: „Das ist wunderbar. […] Vielleicht kannst du deine Technik auch den anderen Forschungsgruppen präsentieren.“

Kulp (stimmt ihm zu): „Da unten in Houston gibt es nicht all diese Regeln. […] Die haben viele Armutsfälle in der Gegend…“

Kulps Akquise-Aktion schien offenbar Erfolg zu haben: Nur zwei Jahre nach dem Ge-spräch mit Libby veröffentlichte Kulp erste Ergebnisse im renommierten Forscher-magazin „Science“. In dem Artikel ist von stolzen 1500 Gewebeproben „aus 17 Stationen eines weltweiten Netzwerks“ die Rede.

Neben den USA und Kanada kamen die Proben laut dem Bericht auch aus Chile, Brasilien, Venezuela, Kolumbien, Liberia, Taiwan, Australien, England, Italien, der Schweiz, Dänemark – und: aus Deutschland. Die deutschen Proben wurden wahrscheinlich vom US-Militär bereitgestellt. Sie waren sogar so „vollständig in Größe und Anzahl“, dass die Forscher die Proben im Zeitverlauf von einem Jahr untereinander vergleichen konnten.

„Gott gab mir die Erlaubnis“

In den Fußnoten des „Science“-Artikels aus dem Jahr 1957 tauchen außerdem erstmals Berichte des Projekts auf – verfasst von Kulp und Libby. Spätestens damit war das bis dahin geheime „Sunshine“ öffentlich geworden.

Die bizarren Forschungsmethoden gingen dennoch weiter. Wahrscheinlich wurde der Codename „Sunshine“ irgendwann fallengelassen und das Projekt ging in mehrere Nachfolge-Forschungsvorhaben anderen Namens über. Wie lange genau diese morbiden Experimente noch andauerten – dazu gehen die Meinungen auseinander. Zumindest, soviel ist sicher, bis 1974. Zu diesem Ergebnis kam jedenfalls ein Untersuchungs-ausschuss zum Projekt „Sunshine“ und seinen Nachfolgern, den die Clinton-Regierung in den neunziger Jahren ins Leben rief, durch die Recherchen des „Albuquerque Tribune“ alarmiert.

Um zumindest in Zukunft zu verhindern, dass derartige Leichenschändungen im Namen der US-Regierung stattfinden könnten, erließ die Regierung eilig eine Liste ver-pflichtender ethischer Standards, die vergleichbare Experimente ausschlossen.

Kelleys Pathologe Lushbaugh hat übrigens nie Reue für seine unerlaubten Unter-suchungen an der Labor-Leiche gezeigt. Vor Gericht erklärte Lushbaugh unter Eid: „Gott gab mir die Erlaubnis dazu.“ Ein Gericht gestand Kelleys Hinterbliebenen 2002 rund zehn Millionen US-Dollar Entschädigung zu. Wie viele Hinterbliebene jedoch nie von Schändungen an ihren verstorbenen Verwandten erfuhren, bleibt bis heute ungewiss.

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Grenzen der Möglichkeiten: In einem Experiment im Oak Ridge National Laboratory sind Wissenschaftler 1950 auf der Suche nach langfristigen Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf das Erbgut von Mäusen. Das Bild zeigt rechts eine Maus mit mutiertem Erbgut im Vergleich zu einer normalen Maus links. Da sich Auswirkungen radioaktiver Strahlung aus den menschlichen Organismus aus ethischen Gründen am lebenden Objekt nicht untersuchen ließen, suchten US-Forscher des Militärs alternative Möglichkeiten – und gingen ab 1953 auf Leichenjagd.

Quellen: US-Department of Energy/atomcentral.com/Los Alamos Laboratory/einestages.spiegel.de vom 08.08.2013

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