Mehr Menschen gehen wegen psychischer Probleme in Frührente

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Niedrige Löhne und längere Arbeitslosigkeit lasten auf ihnen: Immer mehr Arbeitnehmer in Deutschland leiden unter psychischen Krankheiten und müssen deshalb früher in den Ruhestand. Von der Rente allein können sie allerdings kaum leben.

Sie sind im Schnitt um die 50 Jahre alt. Waren häufig arbeitslos, sind eher gering qualifiziert und überdurchschnittlich stark von Armut bedroht: In Deutschland gibt es etwa 1,67 Millionen Erwerbsminderungsrentner, die wegen einer Krankheit ihren Beruf aufgeben oder vorzeitig mit dem Arbeiten aufhören mussten. Immer mehr von ihnen gehen dabei wegen einer psychischen Erkrankung vorzeitig in den Ruhestand. Dies zeigen neue Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) für 2012, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen; der Trend der Vorjahre setzt sich fort.

Etwa 190.000 Menschen erhielten voriges Jahr erstmals eine Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit. Dies liegt vor allem an psychischen Störungen wie Depressionen oder Angstzuständen. In 42,1 Prozent aller Fälle waren sie für das vorzeitige Ausscheiden aus dem Berufsleben verantwortlich. 2011 lag diese Quote noch bei 41,0 Prozent. Erst an zweiter Stelle stehen Probleme mit Skelett und Muskeln mit einem Anteil von knapp 14 Prozent, gefolgt von Krebs- und Kreislauferkrankungen.

Wie stark sich die Gewichte dabei verschoben haben, zeigt der langfristige Vergleich: 1996 wurde nur bei jedem Fünften wegen seelischer Leiden ein Antrag auf Erwerbs-minderungsrente bewilligt, aber gut bei jedem Vierten, weil das Skelett oder die Muskeln nicht mehr mitmachten. Fragt sich nur: Ist daran der zunehmende Stress im Berufsleben schuld?

Die Fachleute in der Rentenversicherung nennen drei Gründe für den Anstieg der psychischen Ursachen: Seelische Leiden sind heute stärker enttabuisiert, sie werden daher von Ärzten auch bereitwilliger diagnostiziert. Die Patienten sind eher gewillt, solche Diagnosen auch zu akzeptieren. Außerdem wandelt sich die Arbeitswelt. Dort nehmen körperliche Belastungen ab, während die psychischen zunehmen. Der Ernstfall tritt dabei früher ein, als vermutlich viele Beschäftigte ahnen.

36 Prozent aller neu dazugekommenen Erwerbsminderungsrentner waren unter 50 Jahre alt. Vor einigen Jahren war ihr Anteil sogar noch deutlich höher. „Dies liegt daran, dass große Teile der geburtenstarken Jahrgänge der Baby-Boomer mittlerweile das 50. Lebensjahr vollendet haben“, sagt ein Sprecher der Rentenversicherung.

Risiko für sozial Schwache

Die neuen amtlichen Zahlen bestätigen auch, dass sich von einer Erwerbsminderungs-rente allein kaum leben lässt: Danach sind die ausgezahlten Beträge wegen der jüngsten Rentenerhöhungen vor allem im Osten leicht gestiegen. Im Durchschnitt erhielt ein männlicher Erwerbsminderungsrentner im Westen aber nur 741 Euro. Bei den Frauen waren es 672 Euro. 1996 lagen die entsprechend ausgezahlten Beträge noch bei 789 und 552 Euro. Noch niedriger sind die Zahlungen bei den Neurentnern mit einer Erwerbs-minderung: Hier liegt der Wert bei 647 Euro (Männer) und 571 Euro (Frauen). 96,4 Prozent beziehen mittlerweile mit Abschlägen die Erwerbsminderungsrente, wenn sie sich gezwungenermaßen vor dem 63. Lebensjahr vom Berufsleben verabschieden. Abgezogen bekommen sie im Schnitt 77,50 Euro.

Johannes Steffen, Rentenexperte der Arbeitnehmerkammer Bremen, spricht von einem „Sinkflug“ der Erwerbsminderungsrenten. Dies liege nicht nur an den 2001 eingeführten Abschlägen. Er führt dies auch auf den steigenden Anteil von Frauen und stark rück-läufige Beitragszeiten zurück. „Das Risiko der Erwerbsminderung konzentriert sich zunehmend auf sozial Schwächere“, schreibt er in einem Aufsatz. Die Erwerbsläufe der Betroffenen seien stärker als beim Durchschnitt der Versicherten durch niedrige Löhne und längere Arbeitslosigkeit geprägt. Dieser Befund wird durch eine Untersuchung der Rentenversi-cherung bestätigt.

Demnach haben Erwerbsminderungsrentner eher ein niedriges Bildungsniveau. Nahezu die Hälfte hat nur einen Haupt- beziehungsweise Volksschulabschluss. Viele von ihnen befänden sich in einer „prekären Einkommenslage“. Jeder vierte Haushalt mit einem Erwerbsminderungsrentner müsse mittlerweile Wohngeld, Hartz IV, staatliche Grund-sicherung oder Sozialhilfe beziehen.

Der DGB und der Sozialverband VdK fordern deshalb schon länger die Abschläge abzuschaffen und die Erwerbsminderungsrentner besserzustellen.

Die Erwerbsminderungsrente schützt nicht mehr vor Armut. Wenn man so krank wird, dass man nicht mehr arbeiten kann, darf man nicht deshalb arm werden.

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Quellen: dpa/sueddeutsche.de vom 12.06.2013

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