Kriegsspiele im Gelben Meer

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Amerikaner üben mit Filipinos, Russen starten ein Manöver mit Chinesen: Der Konflikt im Südchinesischen Meer spitzt sich zu. Die Großmächte rangeln um die Vorherrschaft in der strategisch wichtigen Boom-Region mit seinen großen Rohstoffreserven. Vorboten eines Kalten Krieges in Asien.

Major Neil Estrella ist zufrieden. Alles läuft reibungslos. Erst hatten sich die Eliteschwimmer fast geräuschlos dem Ufer genähert. Dann erreichten die Schlauchboote mit den Kampftruppen vorschriftsmäßig die ungesicherte Küste. Nun haben im Gebüsch neben seiner Kaserne mehr als sechs Dutzend Marines Stellung bezogen. Sie linsen durch Ferngläser, halten ihre M-16-Sturmgewehre im Anschlag und sichern das Terrain.

„Ruckzuck ist der Feind überrumpelt“, schwärmt Estrella, „so wird das gemacht – von Gegenwehr keine Spur“. Oben, im Offiziersquartier des philippinischen West-Kommandos lungern noch ein paar ahnungslose Verteidiger herum. Sie tragen Jeans und Piratentücher und spielen an diesem Tag die Terroristen.

Doch natürlich haben sie keine Chance gegen die geballte Übermacht. Wenig später knallt es überall ganz entsetzlich und Blendgranaten zischen durch die Luft, und dann ist der Spuk auch schon vorbei – der kleine Hügel ist in der Hand der Angreifer. „Mission accomplished“, sagt der philippinische Offizier und schlägt seinem amerikanischen Kompagnon von der US-Navy aus San Diego leutselig auf die Schulter.

„Balikatan“ heißt das Manöver – Schulter an Schulter. Unter diesem Motto üben die Amerikaner mit ihren philippinischen Verbündeten schon seit 1991 einmal jährlich den Krieg. Auch diesmal waren sechstausend Soldaten an den mehrtägigen Kampf- und Rettungsübungen beteiligt. Doch selten war das Szenario so realistisch. Im Südchinesischen Meer droht Krieg.

Derzeit vergeht kaum eine Woche, an der es nicht zu Zusammenstößen zwischen der philippinischen Marine und chinesischen Fischerbooten oder Kriegsschiffen kommt.

  • Erst vor ein paar Tagen wollten die Filipinos in der Nähe des sogenannten Scarborough-Riffs chinesische Fischer festnehmen, die dort Jagd auf Korallen und Suppenschildkröten gemacht haben sollen. Doch ein chinesisches Kriegsschiff verhinderte die Aktion. Beide Seiten reklamieren das Atoll für sich – die Philippinen, weil es innerhalb seiner sich 200-Meilen ins Meer ausdehnenden „ausschließlichen Wirtschaftszone“ liegt. Die Chinesen, deren Küste gut 870 Kilometer entfernt liegt, argumentieren damit, dass dort schon immer Chinesen gefischt haben.
  • Doch mehr noch geht es im chinesisch-philippinischen Konflikt wohl um die Spratly-Inseln. Sie werden von gleich sechs Nationen beansprucht – neben China und den Philippinen auch noch von Taiwan, Malaysia, Vietnam und Brunei. Unter dem Areal von rund 180.000 Quadratkilometern werden gewaltige Erz- und Erdölvorkommen vermutet, und sicherheitshalber haben fast alle Anspruchsteller schon Verträge mit ausländischen Firmen über die Ausbeutung des Gebiets geschlossen.

 

Das Gebiet ist zudem ausgesprochen fischreich und liegt, strategisch wichtig, in einer der am höchsten frequentierten Wasserstraßen der Welt. Etwa ein Viertel aller weltweiten Transportschiffrouten führt durch diese Meerenge. Jeder Tanker, der vom Nahen Osten nach Hongkong oder Shanghai möchte, muss hier durch. Seit vielen Jahren schon kommt es zu Auseinandersetzungen um die Spratly-Inseln. 1970 rückten die Philippinen an und besetzten insgesamt acht Inseln, später folgten Vietnam, Brunei, auch die Chinesen, die mittlerweile einen richtigen kleinen Brückenkopf auf den Spratlys eingerichtet haben – mit Hubschrauberlandeplatz, Radareinrichtungen und Luftabwehrkanonen. 1988 versenkte die chinesische Marine gar zwei vietnamesische Schiffe – über 70 Soldaten fanden dabei den Tod.

 

Mittlerweile erklären die Chinesen fast das gesamte Südchinesische Meer zu ihrem Eigentum. Sie weigern sich, die ungeklärte Territorialfrage von einem Seegericht klären zu lassen, und haben damit ein regelrechtes Wettrüsten in der Region ausgelöst. So soll Malaysia in den vergangenen Jahren mehr als 990 Millionen Dollar für dieselbetriebene U-Boote ausgegeben haben, und Vietnam hat zwei Milliarden Dollar in russische Kampfflugzeuge und sechs U-Boote investiert.

Einer, der sich seit Jahren mit dem Wettrüsten in der Region beschäftigt, ist Ralf Emmers, der an der Rajaratnam School of International Studies in Singapur lehrt. „Die Lage eskaliert“, sagt Emmers. „Viele Länder in der Region sind wegen des dynamischen Wachstums von China, aber insbesondere wegen des rasanten Ausbaus seiner Marine besorgt.“ Dennoch hält Emmers die Aufregung um die Spratlys für leicht übertrieben: „Das Riff an sich ist doch ziemlich uninteressant – der größte Teil steht meist unter Wasser, und wie viel Öl es dort gibt und ob es in der Tiefsee leicht zu fördern ist, ist völlig unbekannt.“

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Amerikaner und Filipinos haben ihr Manöver ausgerechnet auf der Philippineninsel Palawan abgehalten. „Von hier sind die Spratlys nur etwa 200 Seemeilen entfernt“, verrät Major Estrella. Von hier werden die von den Philippinen besetzten Eilande auch verwaltet. Doch die Wahl des heiklen Orts sei reiner Zufall und schon lange so geplant gewesen, bekräftigt Estrella: „Wir üben bloß, wie man eine Insel einnimmt. Das hätten wir überall machen können.“ Zur gleichen Zeit findet ein amerikanisch-vietnamesisches Manöver mit 1400 US-Soldaten vor Da Nang statt. Und die Chinesen spielen gemeinsam mit den Russen im Gelben Meer Krieg. Das Manöver diene nur dem „Frieden und der Stabilität in der Region“, heißt es aus Peking.

Der philippinische Präsident Benigno „Noynoy“ jedenfalls scheint immer offener den Schulterschluss mit der früheren Kolonialmacht USA zu suchen. Die ganze Sache wird ihm langsam unheimlich. „China ist eine Supermacht“, klagte er kürzlich, „es ist eine Nuklearmacht, es hat fast 13-mal so viele Einwohner wie wir.“ Peking könne Atomraketen abschießen. „Wie können wir nicht Angst haben, was dort passiert?“

Quelle: AFP/Reuters/Der Spiegel vom 26.04.2012


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